Akte 07 · Aus dem Blog

Die Franklin-Expedition: 129 Männer, die im Eis verschwanden

129 Männer, 2 Schiffe, kein Überlebender

Verschollene Mythen 17. Juni 2026

Am 19. Mai 1845 verlassen die HMS Erebus und die HMS Terror den Hafen von Greenhithe. Die Royal Navy schickt ihre modernsten Schiffe los — mit Dampfmaschinen, verstärkten Rümpfen, Vorräten für drei Jahre. Das Ziel: die Nordwestpassage, die letzte unkartierte Lücke zwischen dem Atlantik und dem Pazifik. 129 Männer gehen an Bord. Keiner kommt zurück.

Im Juli 1845 sehen Walfänger die beiden Schiffe zum letzten Mal, vertäut an einem Eisberg in der Baffin Bay. Was danach geschah, blieb über ein Jahrhundert lang im Dunkel. Die Franklin-Expedition ist kein Abenteuerroman — sie ist eine der rätselhaftesten Katastrophen der Polargeschichte, deren letzte Seiten bis heute nicht geschrieben sind.

Was geschah

London, Frühjahr 1845. Die Admiralität wählt Sir John Franklin als Expeditionsleiter — 59 Jahre alt, übergewichtig, mit einer Vorgeschichte, die wenig Zuversicht erlaubt. Auf einer früheren Arktisreise hatten seine Männer ihre Lederstiefel gegessen, um zu überleben. Dennoch fällt die Wahl auf ihn. Die Ausrüstung ist gewaltig: 8.000 Konservendosen, 1.200 Bücher, ein Drehorgel-Klavier, feines Porzellan für die Offiziersmesse. Fünf Männer verlassen das Schiff noch in Schottland — krank, ungeeignet, oder von einem Gefühl getrieben, das sie nicht benennen können. Sie werden die Einzigen sein, die überleben.

Am 12. Juli 1845 schreibt ein Leutnant aus der Diskobucht vor Grönland seiner Frau, alles sei in bester Ordnung. Es ist das letzte Wort, das England je von ihm empfangen wird. Die Expedition dringt tief in den arktischen Archipel vor. Im September 1846 frieren die Erebus und die Terror vor King William Island im Packeis fest — einem flachen, baumlosen Stück Land im heutigen Nunavut. Der erste Winter ist hart, aber überlebbar. Die Männer rutschen auf dem Eis, jagen, sammeln Messdaten. Wenn das Eis sich nachts hebt und senkt, knirschen die Schiffsplanken so laut, dass Männer im Schlaf zusammenzucken.

Im Sommer 1847 geschieht das Entscheidende: das Eis bricht nicht auf. Die Schiffe bleiben gefangen. Am 11. Juni 1847 stirbt Sir John Franklin — das einzige Dokument, das je geborgen wurde, belegt es: eine Notiz, hinterlegt in einem Steinhaufen auf King William Island, datiert auf den 25. April 1848. Sie ist knapp. 24 Männer sind zu diesem Zeitpunkt bereits tot. Die verbliebenen 105 verlassen die Schiffe. Sie ziehen schwere Holzboote auf Schlitten über das Eis in Richtung des Back River, hunderte Kilometer im Süden — und sie nehmen Silberbesteck mit, Bibeln, Vorhänge. Dinge, die in einer Polarwüste niemand braucht.

Inuit-Jäger, die den Männern begegnen, berichten später von schwarzen Lippen, schleppendem Gang, eingefallenen Augen. Etwas in ihnen, so die Überlieferungen, war bereits gestorben, lange bevor ihre Körper aufgaben. An einem Ort, den Suchexpeditionen später Boat Place nennen, findet Lieutenant William Hobsons Mannschaft im Mai 1859 ein Holzboot mit zwei Skeletten. Lange Knochen zeigen Schnittspuren, die heutige Forensiker als pot polishing identifizieren — Spuren, die nach plausibler Lesart entstehen, wenn Knochen in kochendem Wasser gerührt werden. Auf der vorgelagerten Beechey Island liegen drei sorgfältig angelegte Gräber: John Torrington, John Hartnell, William Braine — im Permafrost konserviert, fast lebensecht. Sie starben bereits im Winter 1845 auf 1846, bevor die eigentliche Katastrophe begann.

Im September 2014 orten Taucher von Parks Canada vor der Adelaide-Halbinsel ein gut erhaltenes Wrack auf dem Meeresgrund: die HMS Erebus. Die Position stimmt nahezu exakt mit einem Ort überein, den der Inuk Louie Kamookak — gestützt auf mündliche Überlieferungen seines Volkes — den Suchern seit Jahrzehnten genannt hatte. 2016 folgt der Fund der HMS Terror in 24 Metern Tiefe in einer Bucht, die heute Terror Bay heißt. Im Inneren: Schubladen geschlossen, Glasflaschen aufgereiht, Bettzeug gefaltet — als hätte jemand alles ordentlich eingeräumt, bevor er das Schiff zum letzten Mal verließ. 2021 identifizieren Forensiker um Douglas Stenton mithilfe von DNA-Abgleichen mit lebenden Nachfahren erstmals namentlich einen Crewmember anhand eines einzelnen Knochens auf King William Island: Warrant Officer John Gregory, gestorben 1846 oder 1847.

Drei Theorien

1. Bleivergiftung aus den Konservendosen

Eine Theorie besagt, dass das Blei die Expedition von innen aushöhlte, bevor das Eis sie äußerlich zermalmte. 1981 exhumierte der kanadische Anthropologe Owen Beattie die drei Toten von Beechey Island. Haarproben zeigten extrem erhöhte Bleiwerte. Beattie machte den Konservenlieferanten Stephan Goldner verantwortlich: Goldner hatte den Auftrag für 8.000 Dosen erst wenige Wochen vor dem Auslaufen erhalten — zu wenig Zeit für sorgfältige Arbeit. Nach dieser Lesart drangen schlampige Lötnähte Blei ins Essen, Mahlzeit für Mahlzeit, über Monate.

Was dafür spricht

  • Bleivergiftung verursacht Verwirrung, Erschöpfung und Lähmungen — Symptome, die das irrationale Verhalten der Überlebenden (Silberbesteck statt Proviant, verspäteter Aufbruch) erklären könnten.
  • Owen Beatties Haaranalysen von 1981 belegen außergewöhnlich hohe Bleiwerte in den Leichen von Beechey Island.
  • Goldners dokumentierter Last-Minute-Auftrag lässt handwerkliche Mängel bei der Versiegelung der Dosen als plausibel erscheinen.

Was dagegen spricht

  • Studien an Zahnschmelzproben, darunter Analysen von Jagdeep Multani aus dem Jahr 2016, legen nahe, dass ein erheblicher Teil der Bleibelastung bereits aus der Kindheit der Männer stammte — typisch für das bleigesättigte viktorianische England mit seinen Wasserleitungen, Farben und Geschirren.
  • Eine akute Bleivergiftung allein kann nicht erklären, warum die Expedition erst im Frühjahr 1848 — nach fast zwei Wintern — die Schiffe verließ.
  • 105 Männer gleichzeitig so stark zu vergiften, dass kein Einziger eine Siedlung erreicht, übersteigt das, was allein durch Lötzinn in Konserven plausibel erscheint.

2. Skorbut, Erfrierung und Hunger

Die zweite Lesart ist die nüchternste: Skorbut, Erfrierung und Verhungern — das klassische Trio, das fast jede Polarexpedition des 19. Jahrhunderts entschied. Skorbut entsteht durch Vitamin-C-Mangel. Die ersten Symptome beginnen bereits nach wenigen Monaten ohne frische Nahrung: geschwollenes Zahnfleisch, lose Zähne, alte Wunden, die wieder aufbrechen. Nach zwei Wintern auf King William Island wäre die Krankheit nach plausibler Einschätzung unausweichlich gewesen. Forensische Untersuchungen an Skeletten von King William Island zeigen Spuren, die mit schwerem Skorbut vereinbar sind.

Was dafür spricht

  • Inuit-Berichte von schwarzen Lippen, schleppendem Gang und eingefallenen Augen decken sich präzise mit den Spätstadien von Skorbut.
  • Die schiere Dauer der Gefangenschaft — zwei Winter ohne ausreichend frische Nahrung — macht einen massiven Vitamin-C-Mangel nahezu unvermeidlich.
  • Die Männer verhungerten nachweislich in einer Landschaft, in der Inuit seit Jahrtausenden überlebten: Sie hatten die Fähigkeit verloren, wirksam zu jagen.

Was dagegen spricht

  • Skorbut erklärt das Sterben, aber nicht das Verhalten: Es bleibt ungeklärt, warum die Überlebenden so lange warteten, bevor sie die Schiffe verließen.
  • Es erklärt nicht, warum die Männer Silberbesteck, Bücher und Vorhänge mitschleppten statt Lebensmittel und Jagdgerät.
  • Skorbut allein kann nicht erklären, dass kein einziger der 105 Männer eine bewohnte Siedlung erreichte — selbst in geschwächtem Zustand.

3. Botulismus aus schlecht versiegelten Dosen

Eine dritte, jüngere These kommt aus der Mikrobiologie: Botulismus. Schlecht sterilisierte Konserven, gefüllt mit Fleisch und Suppe, sind ein möglicher Nährboden für Clostridium botulinum — ein Bakterium, dessen Toxin schon in winzigen Mengen tödlich wirken kann. Der britische Forscher Keith Millar argumentiert, dass schlecht versiegelte Goldner-Dosen ganze Mannschaftsteile auf einen Schlag hätten ausschalten können. Bis heute ist diese Theorie unbestätigt.

Was dafür spricht

  • Botulismus würde die plötzlichen Todesfälle der ersten drei Männer auf Beechey Island bereits im Winter 1845 auf 1846 erklären — lange bevor Skorbut oder schwere Bleivergiftung hätten greifen können.
  • Die Symptome — verschwommenes Sehen, schlaffe Lähmung, Atemstillstand — könnten das chaotische und irrationale Verhalten der Überlebenden teilweise erklären.
  • Goldners dokumentierter Zeitdruck bei der Herstellung der Konserven macht unzureichende Sterilisation nach dieser Lesart plausibel.

Was dagegen spricht

  • Bisherige Untersuchungen an erhaltenen Goldner-Dosen lieferten keine eindeutigen Nachweise von Botulinum-Sporen.
  • Botulismus ist hochgradig tödlich, aber schwer übertragbar: 129 Menschen sterben nicht alle an derselben verdorbenen Dose.
  • Die Theorie ist bis dato nicht durch direkte Befunde an menschlichen Überresten belegt und bleibt eine Hypothese ohne abschließende forensische Grundlage.

Was bleibt offen

Auf King William Island weht heute derselbe Wind wie im Frühjahr 1848. Die Wracks der Erebus und der Terror liegen vermessen auf dem Meeresgrund, die Knochen sind geborgen, die Inuit-Berichte transkribiert. Und trotzdem fehlt das Letzte. Bis heute ungeklärt: in welcher Reihenfolge die 105 Männer starben. Wer als Letzter aufgab. Was in den finalen Stunden in einem Zelt irgendwo am Back River gesagt, gedacht oder geschrieben wurde. Das Logbuch, das alles erklären könnte, wurde nicht gefunden — vielleicht liegt es noch in einer geschlossenen Schublade zwölf Meter unter Wasser, vielleicht zerfiel es vor über 170 Jahren in den Händen eines sterbenden Mannes.

Drei Theorien — Blei, Skorbut, Botulismus — und keine erklärt allein, warum 105 Männer im Frühjahr 1848 ihre Schiffe verließen und in eine Richtung marschierten, aus der keiner zurückkehrte. Die Franklin-Expedition ist kein geschlossener Fall. Sie ist eine Akte, deren letzte Seiten das Eis noch immer hält.

Die ganze Geschichte als Akte auf YouTube

Quellen

Wo recherchiert wurde — und wo du selbst weiterlesen kannst.

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Häufige Fragen

Warum wählte die Royal Navy Sir John Franklin als Expeditionsleiter, obwohl er bereits in der Vergangenheit durch eine katastrophale Arktisreise aufgefallen war?

Die Admiralität entschied sich dennoch für Franklin, obwohl er 59 Jahre alt war und auf einer früheren Arktisreise so extreme Not gelitten hatte, dass seine Männer ihre Lederstiefel aßen. Warum die Wahl trotzdem auf ihn fiel, erklärt der Artikel nicht näher — es bleibt eines der ungelösten Rätsel der Expedition.

Welche Beweise gibt es dafür, dass die Überlebenden der Franklin-Expedition Kannibalismus betrieben haben?

An einem Ort, den Forscher später ,Boat Place' nannten, entdeckte Lieutenant William Hobsons Mannschaft 1859 ein Boot mit zwei Skeletten. Lange Knochen wiesen Schnittspuren auf, die heutige Forensiker als ,pot polishing' identifizieren — Spuren, die entstehen können, wenn Knochen in kochendem Wasser gerührt werden.

Wie wurden die Wracks der HMS Erebus und der HMS Terror schließlich gefunden, und welche Rolle spielten Inuit-Überlieferungen dabei?

Die HMS Erebus wurde im September 2014 von Tauchern der Parks Canada vor der Adelaide-Halbinsel geortet, die HMS Terror folgte 2016 in 24 Metern Tiefe in der heutigen Terror Bay. Die Fundposition der Erebus stimmte nahezu exakt mit einem Ort überein, den der Inuk Louie Kamookak — gestützt auf mündliche Überlieferungen seines Volkes — den Suchern seit Jahrzehnten genannt hatte.