129 Männer. 2 Schiffe. 8000 Konservendosen. Und nicht ein Einziger, der zurückkam. Am 19. Mai 1845 verlassen die HMS Erebus und die HMS Terror den Hafen von Greenhithe in England. Auftrag: die Nordwestpassage finden. Beide Schiffe sind das Modernste, was die Royal Navy besitzt. Dampfmaschinen. Verstärkte Rümpfe. Vorräte für drei Jahre. Im Juli 1845 sehen Walfänger die Erebus und die Terror zum letzten Mal, vertäut an einem Eisberg in der Baffin Bay. Was danach geschah, weiß bis heute niemand vollständig. Wie verschwinden 129 Männer spurlos zwischen zwei modernen Schiffen und endlosem Eis? Das ist die Akte der Franklin-Expedition.
Die Geschichte
Ursprung
London, Frühjahr 1845. Die britische Admiralität sucht einen erfahrenen Mann für die letzte unkartierte Lücke der Nordwestpassage. Sir John Franklin ist 59 Jahre alt, übergewichtig, und zwei seiner früheren Expeditionen endeten beinahe tödlich. Auf einer davon aßen seine Männer ihre Lederstiefel, um zu überleben. Trotzdem fällt die Wahl auf ihn. Die Vorbereitung ist gewaltig. 134 Mann werden zunächst eingeschifft. 8000 Konservendosen, geliefert von einem Lieferanten namens Stephan Goldner, gewonnen in einem Last-Minute-Auftrag wenige Wochen vor dem Auslaufen. 1200 Bücher, ein Drehorgel-Klavier, feines Porzellan für die Offiziersmesse. Die Admiralität rechnet mit einer Reise von zwei, höchstens drei Jahren. Am 19. Mai 1845 verlassen die Schiffe Greenhithe. In Stromness, Schottland, gehen fünf Männer von Bord — krank, ungeeignet, oder schlicht mit schlechtem Gefühl. Sie werden die einzigen sein, die am Leben bleiben. Am 12. Juli 1845 erreicht die Expedition die Diskobucht vor Grönland. Letzte Briefe gehen nach Hause. Ein Leutnant schreibt seiner Frau, alles sei in bester Ordnung. Es ist das letzte Wort, das England je von ihm hören wird.
Was geschah
September 1846. Die Erebus und die Terror dringen weit in den arktischen Archipel ein. Vor King William Island, einem flachen, baumlosen Stück Land im heutigen Nunavut, frieren beide Schiffe im Packeis fest. Der erste Winter ist hart, aber überlebbar. Die Männer rutschen auf dem Eis, jagen, sammeln Messdaten. In den Kojen riecht es nach feuchter Wolle, Talg und kaltem Eisenmetall. Wenn das Eis sich nachts hebt und senkt, knirschen die Planken so laut, dass Männer im Schlaf zusammenzucken. Doch im Sommer 1847 passiert das Entscheidende: das Eis bricht nicht auf. Die Schiffe bleiben gefangen. Am 11. Juni 1847 stirbt Sir John Franklin. Wir wissen das, weil ein einziges Dokument existiert, das jemals geborgen wurde — eine Notiz, hinterlegt in einem Steinhaufen auf King William Island, datiert auf den 25. April 1848. Die Notiz ist knapp. 24 Männer sind bereits tot. Die Überlebenden, 105 an der Zahl, verlassen die Schiffe. Sie ziehen schwere Holzboote auf Schlitten über das Eis. Ihr Ziel: der Back River, hunderte Kilometer im Süden. Sie tragen Silberbesteck, Bibeln, Vorhänge. Sachen, die in einer Polarwüste niemand braucht. Augenzeugen — Inuit-Jäger, die ihnen begegnen — berichten von Männern mit schwarzen Lippen, schleppendem Gang, eingefallenen Augen. Etwas in ihnen ist bereits gestorben, lange bevor ihre Körper aufgeben.
Wendepunkt
Was im Sommer 1848 auf King William Island geschah, kennen wir nur in Bruchstücken — vieles bleibt bis heute ungeklärt. An einem Ort, den Suchexpeditionen später „Boat Place" nennen, finden die Männer von Lieutenant William Hobson im Mai 1859 ein Holzboot. Darin: zwei Skelette. Eines vollständig, eines unvollständig — Zähne und Schädelteile fehlen, einige Knochen zeigen Schnittspuren. Daneben liegen zwei doppelläufige Flinten, geladen, je ein Schuss in jedem Lauf. Schokolade. Tee. 26 Stück Tafelsilber, graviert mit den Initialen der Offiziere. Eine Bibel. Auf einer Insel namens Beechey Island, wo die Expedition den ersten Winter 1845 auf 1846 verbrachte, findet man drei sorgfältig angelegte Gräber. John Torrington, John Hartnell, William Braine. Im Permafrost konserviert, fast lebensecht. Sie starben bereits im Winter und Frühjahr 1846, bevor die eigentliche Katastrophe begann. Verstreut auf King William Island: Knochen von mindestens 30 Männern. Schädel mit Brüchen. Lange Knochen, präzise zerteilt, mit Spuren von Werkzeugen, die heutige Forensiker als „pot polishing" identifizieren — das glatte Polieren, das nach plausibler Lesart entsteht, wenn Knochen im kochenden Wasser gerührt werden. Inuit-Berichte, gesammelt von dem Forscher Charles Francis Hall in den 1860er Jahren, sprechen von Männern, die in Zelten fanden, was sie nicht beschreiben wollten. Von Schiffen, die noch eine Weile fuhren, mit toten Männern an Bord. Von einem großen Mann, der bis zuletzt befehligte, und der zuletzt allein blieb — bis heute unbestätigt, aber konsistent überliefert. 129 Menschen verschwinden. Kein einziger erreicht eine Siedlung.
Sie würde erklären, warum die Männer Silberbesteck schleppten und Schiffe verließen, die noch hätten halten können
Was dagegen spricht
spätere Studien an Zähnen — etwa von Jagdeep Multani 2016 — deuten darauf hin, dass ein Teil der Bleibelastung bereits aus der Kindheit der Männer stammt
Hoch war sie, ja
Aber typisch für das viktorianische England, in dem Wasserrohre, Geschirr und Farbe voller Blei waren
2. Eine zweite Lesart
Was dafür spricht
die Inuit-Berichte von schwarzen Lippen und schleppendem Gang
Die schiere Dauer im Eis
Die Tatsache, dass die Männer 1848 nicht mehr wirksam jagen konnten — sie verhungerten in einer Landschaft, in der die Inuit seit Jahrtausenden leben
Was dagegen spricht
Skorbut allein erklärt nicht, warum die Expedition sich so spät zur Flucht entschloss
Und nicht die seltsame Last, die sie mitschleppten
Es erklärt das Sterben, nicht das Verhalten
3. Eine dritte, jüngere Lesart kommt aus der Mikrobiologie
Was dafür spricht
es würde die plötzlichen Tode der ersten drei Männer auf Beechey Island bereits 1846 erklären — lange bevor Skorbut hätte greifen können
Und das chaotische Verhalten der Überlebenden
Was dagegen spricht
bisherige Untersuchungen an erhaltenen Goldner-Dosen fanden keine eindeutigen Botulinum-Sporen
Und 129 Menschen sterben nicht alle an derselben verdorbenen Dose
Drei Theorien
Moderne Spuren
Über 160 Jahre suchten Briten, Amerikaner und Kanadier nach den Schiffen. Mehr als 30 Expeditionen. Nichts. Dann, im September 2014, ortet ein Sonar-Team von Parks Canada vor der Adelaide-Halbinsel im Süden der Queen Maud Gulf ein gut erhaltenes Wrack. Es ist die HMS Erebus. Die Position deckt sich erstaunlich genau mit einem Ort, den ein Inuk namens Louie Kamookak — gestützt auf mündliche Überlieferungen seines Volkes — den Suchern seit Jahrzehnten genannt hatte. Zwei Jahre später, im September 2016, findet ein Team die HMS Terror in einer Bucht, die heute Terror Bay heißt, rund 100 Kilometer nördlich. Beide Schiffe stehen weitgehend aufrecht auf dem Meeresboden, in etwa 11 und 24 Metern Tiefe, erstaunlich gut erhalten. Im Inneren der Terror: Karten, Glasflaschen, Bettzeug. Schubladen geschlossen, als hätte jemand sie ordentlich eingeräumt, bevor er das Schiff verließ. 2021 gelingt der nächste Schritt. Forensiker um Douglas Stenton identifizieren mithilfe von DNA-Abgleichen mit lebenden Nachfahren erstmals namentlich einen Crewmember anhand eines Knochens auf King William Island: Warrant Officer John Gregory, gestorben im Jahr 1846 oder 1847. Die Suche geht weiter. Tauchgänge im arktischen Sommer dauern Minuten, nicht Stunden. Jede Saison bringt wenige neue Funde — eine Epaulette, ein Stiefel, eine Schiefertafel. Das Logbuch, das alles erklären würde, wurde bis heute nicht gefunden.
Spuren
Wo Aris recherchiert hat — und wo du selbst weiterlesen kannst.
Owen Beattie & John Geiger – Frozen in Time: The Fate of the Franklin Expedition (1987, 2017)
Parks Canada – Underwater Archaeology Reports zu HMS Erebus und HMS Terror (2014–2023)
Russell A. Potter – Finding Franklin: The Untold Story of a 165-Year Search (2016)
Douglas R. Stenton et al. – Identification of crewmen via DNA, Polar Record / Arctic (2021)
National Maritime Museum Greenwich – Franklin Expedition Archives
Inuit Heritage Trust – Oral history collections (Louie Kamookak)