Das Voynich-Manuskript
Das Buch, das seit 600 Jahren niemand lesen kann
In einem klimatisierten Tresor der Yale-Universität ruht ein kleines Buch aus Kalbspergament, das sich seit sechshundert Jahren weigert, gelesen zu werden. 240 Seiten, eine geübte Hand, eine Schrift, die in keiner bekannten Sprache existiert. Wer immer es schrieb, schrieb mit Sicherheit. Wer immer es lesen wollte, scheiterte. Bis heute.
Was geschah
Das Buch, das man heute unter der Signatur MS 408 in der Beinecke Rare Book & Manuscript Library aufbewahrt, ist klein und unscheinbar: rund 23 mal 16 Zentimeter, kleiner als ein heutiger Roman. Erhalten sind 240 Pergamentseiten, mindestens vierzehn wurden im Lauf der Jahrhunderte herausgetrennt. 2009 entnahm ein Team der University of Arizona vier winzige Materialproben und unterzog sie einer Radiokarbon-Datierung. Das Ergebnis war eindeutig: Das Pergament stammt aus den Jahren zwischen 1404 und 1438. Auch die Tinte erwies sich als zeitgenössisch — keine spätere Beschriftung auf altem Material.
Seine erste belegbare Spur führt in den Sommer 1665, nach Prag. Dort verfasste der greise Hofarzt Johannes Marcus Marci einen lateinischen Brief, packte das Buch in grobes Leinen und schickte es nach Rom. Empfänger war Athanasius Kircher, Jesuit, Universalgelehrter und einer der berühmtesten Köpfe seiner Zeit. Marci schrieb, das Manuskript sei einst für 600 Golddukaten gekauft worden — ein Vermögen — und der Käufer kein Geringerer als Rudolf II., der Habsburger Kaiser, der in Prag eine Hofkultur des Verborgenen, der Alchemie und der Sternkunde unterhielt. Ein früherer Besitzer, so Marci, habe den englischen Mönch Roger Bacon für den Autor gehalten. Kircher schwieg. Das Buch verschwand in den Jesuiten-Archiven, für rund 250 Jahre.
1912 zog der polnisch-britische Antiquar Wilfrid Voynich es in einem italienischen Jesuiten-Kolleg aus einer Kiste mit Altbeständen. Eingelegt fand er den Brief von 1665 — das einzige Dokument, das eine Brücke in die Vergangenheit schlug. Voynich kaufte den Band, gab ihm seinen Namen und legte ihn jahrzehntelang Sprachwissenschaftlern und Kryptographen vor. Niemand entzifferte ein Wort. 1969 gelangte das Manuskript schließlich nach Yale.
Wer es heute aufschlägt, sieht sechs Abschnitte, gegliedert nach den Bildern: über hundert Pflanzendarstellungen, von denen keine zweifelsfrei einer realen Art entspricht; astronomische Kreisdiagramme mit verschobenen Tierkreiszeichen; und einen sogenannten balneologischen Teil mit nackten Frauenfiguren in grünen Becken, verbunden durch ein Geflecht aus Röhren. Darüber, durchgehend, rund 170.000 Zeichen aus etwa 25 bis 30 wiederkehrenden Symbolen — geschrieben von links nach rechts, in Wörtern, mit Absätzen. Mindestens fünf verschiedene Schreiberhände hat die Mediävistin Lisa Fagin Davis identifiziert. Sie alle benutzten dasselbe System.
Drei Theorien
1. Eine echte, bislang ungebrochene Chiffre
Die älteste Lesart hält das Manuskript für verschlüsselte Sprache — Latein, eine frühe romanische Mundart oder Hebräisch, verborgen hinter einem Verfahren, das bis heute keiner durchschaut hat. In den 1940er-Jahren arbeitete William Friedman, einer der bedeutendsten Kryptoanalytiker des 20. Jahrhunderts, mit einer Studiengruppe jahrelang an MS 408. Er kam zu keinem Ergebnis. 2018 schlug ein NLP-System der University of Alberta unter Greg Kondrak Hebräisch als Grundsprache vor, mit umgestellten Buchstaben. Die Fachwelt wies das Ergebnis zurück. Eine Chiffre, die 600 Jahre und moderner Rechenleistung standhält, wäre für ihre Zeit beispiellos.
Was dafür spricht
- Statistisch verhält sich der Text in vielen Punkten wie natürliche Sprache
- Wiederkehrende Wortformen und stabile Häufigkeitsmuster sprechen für ein System
- Mehrere Schreiber benutzten dasselbe Zeichenrepertoire konsistent
Was dagegen spricht
- Keine bekannte Chiffre des 15. Jahrhunderts hätte derart lange standgehalten
- Sämtliche bisherigen Entzifferungs-Vorschläge wurden fachlich widerlegt
- Auffällige Muster wie dreifach wiederholte Silben kennt keine natürliche Sprache
2. Ein kunstvoller Schwindel ohne Inhalt
Eine zweite, prominente Lesart hält das Manuskript für einen aufwendig inszenierten Betrug — sprachähnliches Kauderwelsch, erzeugt vielleicht mit einer Schablonentechnik, wie sie im 16. Jahrhundert nachweisbar ist. Der mögliche Zweck: einem zahlungsbereiten Sammler wie Rudolf II. ein angeblich uraltes Geheimwerk anzudrehen. Tatsächlich lässt sich mit einfachen kombinatorischen Verfahren Text erzeugen, der statistisch sprachähnlich aussieht, ohne Bedeutung zu tragen. Doch die Theorie hat eine Schwachstelle: Wer fälscht, fälscht selten 240 Seiten teures Kalbspergament voll, in mehreren Händen, über Jahre — für einen Käufer, der vielleicht nie kommt.
Was dafür spricht
- Bestimmte Wortmuster lassen sich mit zeitgenössischen Schablonen reproduzieren
- Erfundene Pflanzen und Sternkarten passen zum Bild eines Phantasieprodukts
- Rudolfs Hof war bekannt für seine Bereitschaft, hohe Summen für Geheimwissen zu zahlen
Was dagegen spricht
- 240 Seiten Kalbspergament waren im 15. Jahrhundert ein erhebliches Vermögen
- Mindestens fünf Schreiberhände arbeiteten konsistent in demselben System
- Die statistische Tiefe geht weit über einfache Pseudosprache hinaus
3. Echtes Wissen, dessen Schlüssel verloren ist
Die dritte Lesart nimmt das Buch ernst — und hält es zugleich für unlesbar. Demnach handelt es sich um ein in sich geschlossenes Symbolsystem, geschaffen von einer einzelnen Person oder einem kleinen, eingeweihten Kreis, möglicherweise als medizinisches oder alchemistisches Handbuch. Die Pflanzen wären Chiffren für Rezepturen, die Badeszenen Darstellungen von Heilvorgängen, wie man sie im Spätmittelalter verstand. 2019 vertrat Gerard Cheshire in der Zeitschrift Romance Studies die These, es handle sich um eine ausgestorbene romanische Mundart, niedergeschrieben von Nonnen in Norditalien. Die Fachwelt zerlegte die Arbeit binnen Tagen.
Was dafür spricht
- Die Bildwelt passt zu spätmittelalterlicher Kräuter- und Bäderkunde
- Eine private Symbolsprache erklärt, warum kein bekannter Code passt
- Mehrere Hände sprechen für einen geschlossenen, eingeweihten Kreis
Was dagegen spricht
- Keine vergleichbare 'Privatsprache' aus dem 15. Jahrhundert ist sonst belegt
- Sämtliche Übersetzungsversuche dieser Art scheiterten an methodischer Prüfung
- Die identifizierten Pflanzen lassen sich keiner realen Heilkunde zuordnen
Was bleibt offen
Was auf Folio 74 stand, jener Seite, die jemand mitten aus dem balneologischen Teil herausgetrennt hat, weiß niemand. Auch nicht, wann es geschah, und durch wessen Hand. Heute ist das Manuskript hochauflösend digitalisiert, frei zugänglich, millionenfach gesehen. Jede Linie ist vermessen, jedes Zeichen gezählt. Und doch hat bis heute kein Mensch mit Sicherheit ein einziges Wort gelesen. Ein echtes Buch, sechshundert Jahre alt — und ein Schweigen, das jeden Schlüssel überlebt.
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Quellen
Wo Aris recherchiert hat — und wo du selbst weiterlesen kannst.
- Beinecke Rare Book & Manuscript Library, Yale University: MS 408 (Digitalisat, öffentlich)
- Marci-Brief an Athanasius Kircher, 1665 (lateinisches Original, publiziert)
- Universität Arizona: Radiokarbon-Datierung des Pergaments 2009 (1404–1438)
- Gerard Cheshire: 'The Language and Writing System of MS408', Romance Studies (2019, fachlich umstritten)
- Greg Kondrak / University of Alberta: NLP-Analyse 2018 (hebräische Hypothese, umstritten)
- Lisa Fagin Davis, Medieval Academy of America: Schreiber-Hand-Analyse (mind. 5 Hände)
Eine neue Akte. Jeden Samstag. 19 Uhr.