Akte 04 · Aus dem Blog

Oak Island

Der Schacht, der seit 230 Jahren jeden verschluckt

Verschollene Mythen 30. Mai 2026 Nova Scotia · 1795

Es gibt Orte, an denen die Geschichte sich in den Boden gegraben hat — buchstäblich. Oak Island, eine 57 Hektar kleine Insel in der Mahone Bay vor Nova Scotia, ist so ein Ort. Seit 230 Jahren versuchen Menschen, etwas zu bergen, von dem niemand weiß, ob es existiert. Sechs sind dabei gestorben. Über 70 Millionen Dollar versanken im Schlamm. Und je tiefer gegraben wird, desto leiser wird die Antwort.

Was geschah

Im Sommer 1795 rudert ein 16-jähriger Siedler namens Daniel McGinnis von der Festlandseite hinüber auf eine der rund 360 kleinen Inseln in der Mahone Bay. Im Osten der unbewohnten Oak Island, unter einer alten Eiche, findet er eine kreisrunde Senke, etwa vier Meter im Durchmesser, und einen verwitterten Flaschenzug, der von einem Ast hängt. Am nächsten Tag kehrt er mit zwei Freunden zurück, John Smith und Anthony Vaughan. Sie beginnen zu graben.

Was sie zutage fördern, widerspricht jeder zufälligen Geologie. Bei 60 Zentimetern stoßen sie auf eine Schicht flacher Steine. Bei drei Metern auf eine Plattform aus Eichenbalken. Bei sechs, neun, zwölf Metern — immer wieder, in exakt gleichmäßigen Abständen — folgen weitere Holzlagen. Zwischen den Plattformen finden sich Lehm und, irritierend, Kokosfasern. Bis zum nächsten Kokospalmenbestand sind es rund 4000 Kilometer.

1804 übernimmt die Onslow Company aus Truro die Grabung. Sie dringen bis 27 Meter vor und bergen eine flache Steinplatte mit eingeritzten Zeichen. Eine später kursierende Übersetzung soll sinngemäß lauten: zwei Millionen Pfund liegen zwölf Meter tiefer vergraben. Belegt ist diese Übersetzung bis heute nicht. Der Stein selbst verschwand spurlos. Bei 28 Metern bricht über Nacht das Meer in den Schacht. 18 Meter Wassersäule. Pumpen reichen nicht aus. Erst Jahrzehnte später formuliert man die Vermutung, dass das Bauwerk mit künstlich angelegten Flutkanälen verbunden sein könnte, die aus der nahegelegenen Smith's Cove Meerwasser einleiten, sobald eine bestimmte Tiefe erreicht ist.

1861 reißt ein platzender Dampfkessel den ersten Mann in den Tod. 1897 sollen Bohrungen aus rund 47 Metern ein winziges Pergamentfragment mit den Buchstaben v und i nach oben gebracht haben — eine plausible Lesart sprach von einer hölzernen Schatzkammer. Belegt ist sie nicht. 1965 ersticken Robert Restall, sein Sohn Bobby und zwei Helfer in einem Seitenschacht, vermutlich an Schwefelwasserstoff oder Motorabgasen. Sechs Tote. Eine alte Inselsage besagt, dass sieben sterben müssen, bevor der Schatz sich zeigt. Die Insulaner zählen mit.

Drei Theorien

1. Piratenschatz von Kidd oder Blackbeard

Die populärste Lesart führt zurück ins späte 17. Jahrhundert, als Captain William Kidd und Edward Teach, genannt Blackbeard, vor der nordamerikanischen Ostküste operierten. Eine Überlieferung will wissen, dass Kidd vor seiner Hinrichtung 1701 in London erwähnt habe, einen Schatz an einem Ort hinterlassen zu haben, den niemand finden werde. Die Quelle dieser Aussage gilt als unbestätigt. Für die Theorie spricht die schiere Komplexität des Schachts — etwas, das man baut, wenn man sehr großen Wert sehr lange verstecken will. Gegen sie spricht die Logistik: Piraten waren mobile Plünderer, keine Tiefbauingenieure mit Wochenplan.

Was dafür spricht

  • Komplexität deutet auf bewusste Langzeit-Verstecklogik
  • Operationsraum von Kidd und Teach reichte bis Nova Scotia
  • Überlieferte Andeutung Kidds vor seiner Hinrichtung 1701

Was dagegen spricht

  • Piratenbeute wurde typischerweise oberflächlich versteckt
  • Ein Flutkanalsystem benötigt hunderte Arbeiter und Wochen
  • Keinerlei zeitgenössische Quellenerwähnung bekannt

2. Militärisches Versteck aus dem Siebenjährigen Krieg

Zwischen 1756 und 1763 kontrollierten die Briten Halifax, nur etwa 70 Kilometer von Oak Island entfernt. Eine Theorie besagt, dass die britische Marine oder die spanische Krone hier Kriegskasse, Sold oder Plündergut deponierten, als sich Frontlinien verschoben. Militärische Pioniere kannten die Ingenieurskunst eines verriegelten Schachts, sie verfügten über Männer, Werkzeug und Zeit. Eine Flutfalle entspräche militärischer Sicherungslogik. Doch bis heute taucht in keinem bekannten Archiv in London, Madrid oder Paris eine Erwähnung von Oak Island auf. Keine Befehle, keine Quittungen, keine Truppenbewegung. Für eine Operation dieser Größe ist die Aktenlage ungewöhnlich leer.

Was dafür spricht

  • Britische Militärbasis Halifax nur 70 km entfernt
  • Pioniertruppen verfügten über das nötige Know-how
  • Flutfalle passt zu militärischer Sicherungsdoktrin

Was dagegen spricht

  • Keine Quelle in den Archiven Londons, Madrids oder Paris
  • Keine dokumentierten Truppenbewegungen auf die Insel
  • Operationen dieser Größe hinterlassen normalerweise Papier

3. Natürliche Karsthöhle — gar kein Schatz

Skeptiker wie der Geologe Joe Nickell argumentieren seit den frühen 2000er Jahren, dass Oak Island über einem System natürlicher Karst-Hohlräume liegen könnte. Anhydritgestein zerfällt im Wasser und bildet unterirdische Kammern. Die Senke von 1795 wäre dann ein natürlicher Einbruch, die Plattformen aufgespültes Treibholz, die Flutkanäle natürliche Wasserwege. Eine plausible Deutung der Kokosfasern: Schiffsballast, der an die Küste gespült wurde. Gegen die rein geologische Lesart steht die berichtete Regelmäßigkeit — Plattformen alle drei Meter, eine markierte Steinplatte, das Pergamentfragment. Damit der Zufall diese Kette erzeugt hätte, hätte er ungewöhnlich sorgfältig arbeiten müssen.

Was dafür spricht

  • Nach 230 Jahren und 70 Millionen Dollar kein substanzieller Fund
  • Anhydrit-Geologie der Region erzeugt nachweislich Hohlräume
  • Kokosfasern erklärbar als angespülter Schiffsballast

Was dagegen spricht

  • Exakt regelmäßige Plattformen alle drei Meter unwahrscheinlich natürlich
  • Gravierte Steinplatte mit Inschrift überliefert
  • Pergamentfragment mit lesbaren Buchstaben dokumentiert

Was bleibt offen

Seit 2014 graben die Brüder Rick und Marty Lagina mit Caisson-Bohrern, Tauchrobotern und seismischer Vermessung weiter. Funde wie ein bleierner Kreuzanhänger, eine Goldbrosche unklarer Datierung und Holzproben aus dem 17. Jahrhundert reichen für Schlagzeilen, nicht für Gewissheit. Mehr als 20 Schachtanlagen kreuzen sich heute unter der Insel. Niemand kann mehr sagen, welcher Hohlraum der ursprüngliche Money Pit war. Die Spur, die ein Junge 1795 unter einer Eiche fand, ist archäologisch verloren — und der Schacht gräbt weiter.

Die ganze Geschichte als Akte auf YouTube

Quellen

Wo Aris recherchiert hat — und wo du selbst weiterlesen kannst.

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