Akte 06 · Aus dem Blog

Das Brummen von Taos

Der Ton, den nur manche Menschen hören

Kosmische Rätsel 13. Juni 2026 1993

In Taos, New Mexico, gibt es einen Ton, den nur etwa zwei von hundert Menschen hören. Er ist tief, konstant, und er weicht weder in geschlossenen Räumen noch in den Bergen. Drei der renommiertesten Labore der USA suchten wochenlang nach seiner Quelle — und fanden nichts. Was bleibt, ist ein Brummen ohne Ursprung und die Frage, was es eigentlich ist, das diese Menschen da wahrnehmen.

Was geschah

Die ersten Meldungen tauchen im Frühjahr 1991 auf. Taos, eine Künstlerstadt auf rund 2100 Metern Höhe, gelegen zwischen Wüstenebene und den Sangre-de-Cristo-Bergen, etwa 4500 Einwohner. Einzelne Bewohner berichten von einem nächtlichen Brummen, das sich wie ein Lastwagen im Leerlauf anhört, der niemals losfährt. Eine Lehrerin zieht ihren Kühlschrank vom Netz, das Geräusch bleibt. Ein Geologe vergleicht es mit einem entfernten Diesel-Motor, der nie verstummt.

Bis Mitte 1992 sind es Dutzende. Sie treffen sich in Wohnzimmern, gleichen Wahrnehmungen ab, schreiben Listen. Die meisten Hörer sind zwischen 30 und 60 Jahre alt, Frauen häufiger als Männer. Fast alle klagen über dieselben Begleiterscheinungen: Schlafstörungen, Druck hinter den Augen, das Gefühl, der eigene Körper schwinge mit. Im April 1993 schicken Bürger einen Brief an ihren Kongressabgeordneten und fordern eine offizielle Untersuchung.

Im Mai desselben Jahres setzt Bill Richardson, damals Abgeordneter für New Mexico, die Anfrage in Gang. Beauftragt werden die University of New Mexico, die Sandia National Laboratories und das Los Alamos National Laboratory — ein ungewöhnliches Aufgebot, denn Sandia und Los Alamos arbeiten sonst an nuklearer Grundlagenforschung. Geleitet wird die Studie von dem Ingenieur Joe Mullins. Sein Team rekrutiert acht Hörer, schirmt sie ab und spielt ihnen Frequenzen zwischen 30 und 80 Hertz vor. Die Angaben schwanken: Manche nennen 32 Hertz, andere 56, einige beschreiben den Ton als pulsierend, andere als konstant.

Parallel werden Geophone in den Boden gerammt, Mikrofone in Felder gestellt, Magnetometer aufgestellt. Wochen vergehen. Als 1995 der Abschlussbericht vorliegt, ist seine Kernaussage so kurz wie irritierend: keine Industriequelle, keine seismische Auffälligkeit, kein elektromagnetisches Signal über dem Hintergrundrauschen. Die Geräte schweigen. Die Menschen hören weiter.

Drei Theorien

1. Eine unentdeckte technische Quelle

Taos liegt im Einzugsgebiet von Los Alamos. Durch die Region verlaufen Hochspannungstrassen, militärische Kommunikationsanlagen, Niedrigfrequenz-Funknetze. Eine Theorie besagt, irgendwo strahle eine Anlage Tieffrequenz-Wellen ab, die nur besonders empfindliche Personen wahrnehmen. Tatsächlich häufen sich die Meldungen Anfang der 90er-Jahre parallel zum Ausbau bestimmter Sendernetze. Gegen diese Lesart spricht jedoch die Mullins-Studie selbst: Sie hat genau nach solchen Signalen gesucht — und nichts gefunden, das über die natürlichen Hintergrundwerte hinausgeht. Zudem tritt das Phänomen auch in entlegenen Regionen Schottlands auf, wo keine vergleichbare militärische Infrastruktur existiert.

Was dafür spricht

  • Zeitliche Häufung Anfang der 90er parallel zum Sender-Ausbau
  • Cluster in Regionen mit militärischer und industrieller Aktivität
  • 2014 in Windsor, Ontario, ein 35-Hz-Signal tatsächlich messbar

Was dagegen spricht

  • Mullins-Studie 1995 fand keine Quelle über Hintergrundwerten
  • Phänomen tritt auch in entlegenen, infrastrukturarmen Regionen auf
  • Bis heute keine reproduzierbare Quellen-Identifikation

2. Ein Ton aus dem eigenen Innenohr

Die zweite Lesart verlegt das Brummen in den Körper. Manche Menschen nehmen sogenannte otoakustische Emissionen wahr — Töne, die das eigene Innenohr aussendet. Eine Hyperaktivität der Haarzellen in der Cochlea könnte erklären, warum der Hum lauter wird, sobald jemand sich die Ohren zuhält, in ein Auto steigt oder in einen abgeschirmten Raum geht. Das passt zur klassischen Symptomatik des Tinnitus. Es passt jedoch nicht zu allem: Mehrere Hörer berichten, das Brummen verschwinde, sobald sie eine bestimmte Region verlassen. Klassischer Tinnitus ist nicht ortsgebunden. Und Hörtests haben bei zahlreichen Betroffenen Werte im Normalbereich ergeben.

Was dafür spricht

  • Nur 1 bis 4 Prozent der Bevölkerung sind betroffen
  • Ton wird in Stille und Abschirmung lauter — klassisches Tinnitus-Muster
  • Hörer beschreiben den Ton oft als „im Kopf sitzend"

Was dagegen spricht

  • Viele Hörer berichten von Ortsabhängigkeit
  • Hörschwellen vieler Betroffener im Normalbereich
  • Körper-Vibrationen sind durch Tinnitus nicht erklärbar

3. Der Grundton des Planeten

Der Geophysiker David Deming hat 2004 eine dritte Lesart formuliert: Die Erde selbst erzeuge ein konstantes, sehr leises Tieffrequenz-Rauschen — durch Mikroseismik, Meereswellen, atmosphärische Reibung. Dieser Hintergrund existiere überall, werde aber von den meisten Menschen neuronal herausgefiltert. Wer den Hum hört, hätte schlicht das Filter verloren. Diese Hypothese erklärt die globale Verbreitung des Phänomens und das Fehlen einer lokalen Quelle. Sie passt auch zum Frequenzbereich der Berichte. Offen bleibt, warum manche Menschen das Filter verlieren, andere nicht — und warum das Phänomen erst seit den frühen 90ern in dieser Häufigkeit dokumentiert wird.

Was dafür spricht

  • Erklärt globale Verbreitung in über 80 Ländern
  • Frequenzbereich passt zu Mikroseismik
  • Erklärt das Fehlen einer lokalen Quelle

Was dagegen spricht

  • Unklar, warum manche das Filter verlieren
  • Plötzliche Häufung erst ab den 90ern bleibt ungeklärt
  • Pulsierende Wahrnehmung passt nicht zur Mikroseismik

Was bleibt offen

Seit 2012 sammelt der kanadische Forscher Glen MacPherson in der „World Hum Map and Database" mehrere tausend Berichte aus über 80 Ländern. Bristol, Largs, Auckland, Windsor — überall dasselbe tiefe Brummen, fast nirgends eine bestätigte Quelle. In Taos selbst leben noch immer Menschen, die den Ton hören. Manche haben sich an ihn gewöhnt, andere haben aufgegeben, ihn zu erklären. Was bleibt, sind über 30 Jahre Forschung, die immer am selben Punkt enden: ein Ton ohne Ursprung.

Die ganze Geschichte als Akte auf YouTube

Quellen

Wo Aris recherchiert hat — und wo du selbst weiterlesen kannst.

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