Akte 02 · Aus dem Blog

D.B. Cooper

Der Mann, der mit 200.000 Dollar aus einem Flugzeug sprang und nie gefunden wurde

Verschollene Mythen 17. Mai 2026 Oregon / Washington · 1971

Es gibt Fälle, die das FBI nach Jahrzehnten leise schließt — nicht weil sie gelöst wären, sondern weil niemand mehr eine Spur sieht. Der Fall D.B. Cooper ist einer davon. Ein Mann im dunklen Anzug, ein gefälschter Name, eine Boeing 727 über den Wäldern Washingtons. Und ein Sprung in den Sturm, der nie sein Ende gefunden hat.

Was geschah

Portland International Airport, 24. November 1971, 14 Uhr 50. Ein Mann Mitte vierzig tritt an den Schalter von Northwest Orient. Er trägt einen schwarzen Anzug, weißes Hemd, dunkle Krawatte. Er kauft ein einfaches Ticket nach Seattle, zahlt bar, gibt den Namen Dan Cooper an. Ein Ausweis wird 1971 nicht verlangt. An Bord der Boeing 727 setzt er sich auf Platz 18-E im Heck, bestellt einen Bourbon mit Soda und legt drei Dollar Trinkgeld auf den Tisch.

Zehn Minuten nach dem Start reicht er Stewardess Florence Schaffner einen Zettel. Sie steckt ihn ungelesen weg — sie hält es für eine Anmache. Cooper beugt sich vor und flüstert, sie solle die Notiz jetzt lesen. Darauf steht, dass sich in seinem Aktenkoffer eine Bombe befinde. Schaffner setzt sich neben ihn. Cooper öffnet den Koffer einen Spalt. Rote Drähte, Zylinder, die wie Dynamitstangen aussehen. Dann diktiert er seine Forderungen: 200.000 Dollar in unmarkierten Zwanzig-Dollar-Scheinen, vier Fallschirme, ein voll betankter Tankwagen in Seattle.

Zwei Stunden lang dreht die Maschine Kreise über der Stadt, während die Polizei am Boden Bargeld zählt. Um 17 Uhr 39 landet Flug 305 in Seattle-Tacoma. Die 36 Passagiere und zwei Stewardessen dürfen gehen. Cooper inspiziert die Fallschirme — und weist einen Trainingsschirm zurück, der im Ernstfall nicht geöffnet hätte. Für die FBI-Ermittler ist das später der erste Hinweis: Dieser Mann ist kein Laie.

Um 19 Uhr 36 hebt die Boeing erneut ab. Kurs Mexico City, Tankstopp in Reno. Cooper hat Höhe und Geschwindigkeit präzise vorgegeben: unter 200 Knoten, maximal 3000 Meter, Heckklappe ungeriegelt. Etwa vierzig Minuten später, irgendwo über den Wäldern im südwestlichen Washington, registriert die Crew im abgeschlossenen Cockpit eine Druckveränderung. Zwischen 20 Uhr 13 und 20 Uhr 15 verlässt Cooper die Maschine. Stockdunkel, neun Grad, ein Sturm aus Westen. Als Flug 305 um 23 Uhr 02 in Reno landet, ist die Heckkabine leer. Auf dem Sitz: eine Krawatte mit silberner Nadel, ein Notizblock, der Aktenkoffer mit acht Stäben Modellierplastik. Keine echte Bombe. Cooper hatte geblufft.

Drei Theorien

1. Cooper hat den Sprung nicht überlebt

Die Bedingungen in jener Nacht waren brutal. Dichter Sturm, neun Grad Außentemperatur, ein Synthetikanzug ohne thermische Funktion, weder Sturzbrille noch Höhenmesser. Cooper sprang aus rund 3000 Metern in einen Wald, dessen genaue Topografie er nicht kannte. Experten der US Air Force schätzen die Überlebenswahrscheinlichkeit unter diesen Bedingungen auf weniger als 20 Prozent — und das nur bei einem erfahrenen Springer. Der pazifische Nordwesten verbirgt Hunderte Quadratkilometer schwer zugängliches Gebiet, in dem ein Körper innerhalb weniger Saisons spurlos verschwindet. Die einfachste Erklärung wäre also auch die endgültigste: Cooper stürzte in die Dunkelheit und kam dort nie wieder heraus.

Was dafür spricht

  • Sprungbedingungen extrem: Sturm, 9 Grad, keine Schutzausrüstung
  • Air-Force-Schätzung: unter 20 Prozent Überlebenschance
  • Pazifischer Nordwest-Wald verschluckt Leichen routinemäßig

Was dagegen spricht

  • 1980 wurden 5800 Dollar am Tena Bar gefunden — 20 km von der Absprungzone
  • Banknoten waren gebündelt vergraben, nicht zerstreut
  • Beim tödlichen Aufprall müsste das gesamte Geld beim Körper liegen

2. Cooper überlebte und verschwand spurlos

Cooper kannte die Boeing 727 wie ein Insider. Er wusste, dass sich die Hecktreppe dieser Baureihe im Flug öffnen lässt — eine Eigenheit, die später nach ihm benannt wurde, der sogenannte Cooper Vane. Er kannte die Geschwindigkeits- und Höhengrenzen und wies einen defekten Fallschirm zurück. Eine plausible Lesart: Cooper war ein militärisch ausgebildeter Springer, möglicherweise mit Vietnam-Erfahrung. Bei optimaler Sprungtechnik wäre eine Landung in den Wäldern von Lewis County überlebbar gewesen — vorausgesetzt, jemand erwartete ihn am Boden. Ein Auto, eine neue Identität, ein zweites Leben. Die FBI hat dieser Theorie nie ausdrücklich widersprochen. Bewiesen hat sie sie aber auch nie.

Was dafür spricht

  • Cooper kannte technische Details der 727 und Fallschirmausrüstung
  • Wies Trainingsschirm zurück — klares Fachwissen
  • Restliche 194.200 Dollar tauchten nie im Umlauf auf

Was dagegen spricht

  • Tena-Bar-Fund 1980 schwer mit sauberer Flucht vereinbar
  • Keine bekannte Identitätsveränderung in den Datenbanken
  • Niemand erhob jemals glaubhaft Anspruch auf die Tat

3. Ein Verdächtiger mit Namen

Mehr als 800 Personen hat das FBI im Laufe der Jahrzehnte überprüft. Drei Namen halten sich besonders hartnäckig. Richard McCoy entführte fünf Monate nach Cooper ein Flugzeug mit einer fast identischen Methode, wurde gefasst und starb 1974 bei einem Gefängnisausbruch. Robert Rackstraw, Vietnam-Veteran und ausgebildeter Fallschirmspringer, stand jahrelang im Visier einer privaten Ermittlergruppe und starb 2019 ohne Geständnis. Und Kenneth Christiansen, ein Northwest-Orient-Mechaniker mit Sprungausbildung aus dem Zweiten Weltkrieg, soll auf dem Sterbebett 1994 zu seinem Bruder gesagt haben: Es gibt etwas, das du wissen solltest. Aber ich kann es dir nicht sagen.

Was dafür spricht

  • McCoy kopierte Methode bis ins Detail — fünf Monate später
  • Rackstraw hatte Pilotenschein, Sprungausbildung, passendes Alter
  • Christiansens Sterbebett-Andeutung und seine 727-Kenntnisse

Was dagegen spricht

  • Keine forensische Übereinstimmung mit Cooper-Krawatten-DNA
  • McCoy zur Tatzeit nachweislich an anderem Ort
  • Christiansens Aussage zu vage für eine Beweisführung

Was bleibt offen

Im Juli 2016 schloss das FBI die Akte NORJAK nach 45 Jahren ohne Ergebnis. Die Krawatte mit der silbernen Nadel liegt bis heute in einem Archiv, das vergrabene Geldbündel vom Tena Bar ist mehrfach untersucht worden — und keine der Spuren führt irgendwohin. Vielleicht liegt Coopers Skelett unter einem Wurzelballen im pazifischen Nordwesten. Vielleicht lebte er bis zuletzt unter anderem Namen. Was bleibt, ist ein Mann, ein Sprung, ein Sturm. Und seitdem: nichts.

Die ganze Geschichte als Akte auf YouTube

Quellen

Wo Aris recherchiert hat — und wo du selbst weiterlesen kannst.

Eine neue Akte. Jeden Samstag. 19 Uhr.

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