Ohio, 15. August 1977, 22 Uhr 16 Ortszeit. Ein Radioteleskop, so groß wie 3 Fußballfelder, lauscht in den Himmel über dem Sternbild Schütze. 72 Sekunden lang empfängt es ein Signal, das fast 30-mal stärker ist als das Hintergrundrauschen des Alls. 3 Tage später blättert ein Astronom durch den Computerausdruck, sieht die Zeichenfolge 6EQUJ5, kreist sie mit rotem Kugelschreiber ein und schreibt ein einziges Wort an den Rand. Wow. Bis heute ist es das stärkste Kandidatensignal in der Geschichte der Suche nach außerirdischer Intelligenz. Was hat Big Ear in jenen 72 Sekunden wirklich gehört? Das ist das Wow!-Signal.
Die Geschichte
Ursprung
Delaware, Ohio, Frühjahr 1963. Auf einem Feld der Ohio State University wird ein ungewöhnliches Bauwerk fertiggestellt. Kein klassisches Schüsselteleskop, sondern eine flache Aluminium-Ebene, 103 Meter lang, dazu eine schräge Reflektorwand. Die Astronomen nennen es Big Ear, das große Ohr. Big Ear ist günstig, robust und blickt immer dorthin, wohin die Erddrehung es führt. Ab 1973 läuft hier das damals längste SETI-Programm der Welt, geleitet von John Kraus und Robert Dixon. Das Teleskop hört auf 1420 Megahertz, der sogenannten Wasserstofflinie. Eine Frequenz, die im Universum von Natur aus ruhig ist. Eine Theorie der frühen SETI-Forschung besagt, dass eine technologische Zivilisation genau diese Frequenz wählen würde, um aufzufallen — bewiesen ist das nicht. In der Nacht zum 15. August 1977 ist niemand im Kontrollraum. Big Ear arbeitet automatisch, druckt Spalten aus Zahlen und Buchstaben auf endlose Bahnen aus Papier. Tag für Tag. Niemand ahnt, dass auf einer dieser Bahnen gerade Geschichte geschrieben wird.
Was geschah
18. August 1977, Delaware, Ohio. Jerry Ehman, freiwilliger Mitarbeiter am Big Ear, sitzt zu Hause an seinem Küchentisch und arbeitet sich durch den Stapel Papier der letzten Tage. Big Ear misst Signalstärke in einer Skala von 0 bis 35. Eine 1 ist Hintergrundrauschen. Eine 4 ist schon auffällig. Was Ehman dort liest, hat er noch nie gesehen. 6 Zeichen hintereinander, die das Aufflammen und Abklingen eines Signals beschreiben: 6, E, Q, U, J, 5. Der Buchstabe U entspricht einer Intensität von rund 30 Standardabweichungen über dem Rauschen. Ehman kreist die Sequenz ein, schreibt Wow daneben, lehnt sich zurück. Das Signal kam aus dem Sternbild Schütze, dauerte exakt jene 72 Sekunden, die Big Ear bei seiner Erddrehung brauchte, um an einer Stelle vorbeizustreichen, und lag fast perfekt auf 1420 Megahertz. Genau auf der Wasserstofflinie. Genau auf der Frequenz, die sie seit Jahren absuchten. Und nirgendwo sonst auf der Papierbahn fand sich etwas Vergleichbares.
Wendepunkt
Was Big Ear in jenen 72 Sekunden des 15. August 1977 registrierte, war fast ein Lehrbuchbeispiel dafür, wie ein künstliches Signal aussehen könnte. Erstens: extrem schmalbandig. Natürliche kosmische Quellen senden meist über weite Frequenzbereiche. Das Wow!-Signal lag auf einem Frequenzfenster von weniger als 10 Kilohertz. Solche Schmalbandigkeit gilt als typisch für Technik, nicht für Sterne. Zweitens: die Form. Die Intensität stieg an, erreichte ein Maximum, fiel wieder ab, exakt im Muster der Empfindlichkeitskurve des Teleskops. Das Signal kam also nicht aus dem Gerät selbst, sondern, einer plausiblen Lesart zufolge, von außen aus einer festen Richtung am Himmel. Drittens: die Quelle schien sich nicht zu bewegen. Sie blieb dort, wo sie war, während die Erde sich weiterdrehte. Wenige Wochen später richtet Big Ear sein Ohr erneut auf dieselbe Stelle. Stille. Robert Gray, ein Amateurastronom, sucht ab 1987 mit immer empfindlicheren Anlagen, später mit dem Very Large Array in New Mexico und einem großen Teleskop in Tasmanien. Stille. Bis heute, fast 50 Jahre später, mit modernster Technik wie Breakthrough Listen, schweigt die Stelle im Schützen. Das Signal kam einmal. Und nie wieder.
Drei Theorien
1. Theorie 1, formuliert seit den späten 1970er Jahren
Was dafür spricht
laut dieser Theorie: die Schmalbandigkeit, die genaue Lage auf der Wasserstofflinie, die scheinbar feste Position am Himmel
Alles Eigenschaften, die zu einem absichtlich gesendeten Funksignal passen würden
Was dagegen spricht
ein echtes außerirdisches Signal sollte wiederholbar sein
Wer einmal sendet und dann fast 50 Jahre schweigt, ist entweder zufällig genau in diesen 72 Sekunden in unsere Richtung gekommen oder hat sich nicht für eine Antwort interessiert
Beides ist möglich, beides unbestätigt
2. Theorie 2, veröffentlicht 2017 vom Astronomen Antonio Paris in einer Fachzeitschrift
Was dafür spricht
Paris argumentierte, 2 Kometen, 266/P Christensen und P/2008 Y2 Gibbs, hätten sich 1977 möglicherweise nahe der fraglichen Himmelsregion befunden
Kometen sind von riesigen Wolken aus Wasserstoff umgeben, die in der Nähe der 1420 Megahertz strahlen könnten
Was dagegen spricht
Eine Theorie, die ohne neues Phänomen auskäme
Dagegen sprechen mehrere unabhängige Astronomen, darunter Robert Gray
3. Theorie 3, in der Fachliteratur seit den 1990er Jahren wiederholt geprüft
Was dafür spricht
der erdnahe Raum war schon 1977 voller Satelliten und Trümmer
Eine reflektierte Übertragung auf einer eigentlich geschützten Frequenz wie 1420 Megahertz wäre selten, aber denkbar
Was dagegen spricht
die Sendung auf der Wasserstofflinie ist international reguliert, gerade um Radioastronomie nicht zu stören
Vor allem aber hätte ein reflektierendes Objekt im Orbit sich relativ zur Erde bewegt, das Signal hätte also nicht 72 Sekunden lang exakt dem Erddrehungsfenster von Big Ear gefolgt, sondern wäre verzogen
Auch diese Lesart bleibt bis heute unbestätigt
Moderne Spuren
1998, Delaware, Ohio: das Big-Ear-Teleskop wird abgerissen. Auf dem Gelände entsteht ein Golfplatz. Doch das Wow!-Signal verschwindet nicht, es wandert in die Akten und in die Hände einer neuen Generation. 2020 veröffentlicht der spanische Astronom Alberto Caballero eine Vorabstudie. Er kämmt die Region des Schützen mit dem Gaia-Sternkatalog der Europäischen Weltraumagentur durch und identifiziert einen sonnenähnlichen Stern, 2MASS 19281982-2640123, rund 1800 Lichtjahre entfernt, als statistisch wahrscheinlichsten Herkunftsort, falls das Signal von einem bewohnbaren Planeten stammen sollte. Eine ausdrücklich spekulative, aber sauber dokumentierte Eingrenzung. 2022 richtet das Projekt Breakthrough Listen das Green-Bank-Teleskop in West Virginia gezielt auf diesen Stern. Stundenlange Beobachtungen. Das Ergebnis: kein vergleichbares Signal. 2024 meldet ein Team um Abel Méndez vom Planetary Habitability Laboratory, dass ähnliche schmalbandige Wasserstoff-Signale auch in alten Archivdaten des Arecibo-Observatoriums auftauchen könnten, ausgelöst durch natürliche Strahlung kalter Wasserstoffwolken. Eine neue Lesart, ebenfalls noch unbestätigt. Die Akte ist seltsam lebendig geblieben. Sie wird mit jedem Jahr dünner und gleichzeitig länger.
Spuren
Wo Aris recherchiert hat — und wo du selbst weiterlesen kannst.
Kraus, John D. (1979): 'We Wait and Wonder', Cosmic Search Magazine, Vol. 1, No. 3
Ehman, Jerry R. (1998/2010): 'The Big Ear Wow! Signal: What We Know and Don't Know', North American AstroPhysical Observatory (NAAPO)
SETI Institute: 'The Wow Signal' (seti.org/research/seti-101/the-wow-signal)
Paris, Antonio (2017): 'Hydrogen Clouds from Comets 266/P Christensen and P/2008 Y2 (Gibbs) are Candidates for the Source of the 1977 Wow! Signal', Journal of the Washington Academy of Sciences
Caballero, Alberto (2022): 'An approximation to determine the source of the WOW! Signal', arXiv:2011.06090
Breakthrough Listen / UC Berkeley SETI: 'Breakthrough Listen Search for the WOW! Signal' (seti.berkeley.edu/wow)